
Leseempfehlung by Prof. Dr. Ruth Anna Weber:
Pflege im Wandel – Impulse aus Österreich und die Chance auf echte Professionalisierung in Deutschland
Die Pflege steht an einem Wendepunkt – in Österreich ebenso wie in Deutschland. Der Fachbeitrag in der Fachzeitschrift „Die Schwester | Der Pfleger“ (04/24) beleuchtet eindrücklich die Entwicklungen im österreichischen Pflegesystem, insbesondere die zunehmende Bildungsdurchlässigkeit sowie die gezielte Differenzierung von Pflegeberufen. Der Artikel macht deutlich: Österreich hat erkannt, dass die Bewältigung komplexer Versorgungsbedarfe nicht allein durch „mehr Personal“, sondern durch „qualifiziertes Personal“ gelingen kann – und treibt die Akademisierung konsequent voran.
Seit Januar 2024 gilt in Österreich ein Modell, das sich an Ländern wie Großbritannien, Schweden oder Belgien orientiert: Die akademisch ausgebildete Pflegekraft ist keine Ausnahme mehr, sondern wird zum integralen Bestandteil eines zukunftsfesten Gesundheitssystems. Diese Entwicklung ist nicht nur ein Fortschritt in puncto Versorgungsqualität, sondern auch ein klares Bekenntnis zur Professionalisierung der Pflege.
Gleichzeitig zeigt sich in Österreich eine sinnvolle Ausdifferenzierung des Berufsbildes: Neben der hochschulisch - für den gehobenen Dienst qualifizierten Pflegefachperson - wird die Pflegefachassistenz mit zweijähriger Ausbildung und Pflegeassistenz mit einjähriger Ausbildung umstrukturiert. Damit gelingt es, Menschen mit unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen und Kompetenzprofilen für die vielfältigen Anforderungen in der Pflege zu gewinnen.
Und Deutschland?
In Deutschland fehlt nach wie vor eine klare Struktur für akademisierte Pflege. Pflegefachpersonen dürfen deutlich weniger als ihre Kolleg*innen im europäischen Ausland – und werden häufig auf eine „ausführende Rolle“ reduziert. Der Beitrag weist daher zu Recht auf das kommende Pflegekompetenzgesetz hin, das noch vor der Sommerpause 2025 erwartet wird. Dieses Gesetz hat das Potenzial, endlich autonome Handlungsfelder zu definieren und Pflege „eigenverantwortlich“ zu ermöglichen.
Was können wir aus dem Beitrag für unser Studium mitnehmen?
Berufspolitisches Bewusstsein entwickeln: Pflege ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Profession. Der Weg zur vollen Berufsausübungshoheit führt über rechtliche, strukturelle und bildungspolitische Schritte – und braucht engagierte, informierte Pflegefachpersonen, die diesen Wandel mitgestalten.
Bildungsdurchlässigkeit ist kein Widerspruch zur Akademisierung: Die österreichische Lösung zeigt, dass es gelingen kann, verschiedene Qualifikationsniveaus sinnvoll zu kombinieren – sofern Rollenverteilungen klar geregelt und Weiterentwicklungsmöglichkeiten gegeben sind.
Akademisierung ist kein Selbstzweck: Sie ist notwendig, um komplexe pflegerische Situationen eigenverantwortlich bewältigen zu können. Nur wer wissenschaftlich fundiert und reflektiert handelt, kann Patientensicherheit, Qualität und Effizienz gewährleisten.
Fazit: Der Blick nach Österreich öffnet den Horizont: Pflege kann mehr – wenn man sie lässt. Der Beitrag ruft dazu auf, die Diskussion um Pflege nicht länger nur im Kontext von Personalmangel zu führen, sondern strukturell und bildungspolitisch zu denken. Für Studierende der Pflege- und Gesundheitswissenschaften bedeutet das: Jetzt ist die Zeit, sich einzubringen – wissenschaftlich, berufspolitisch und praktisch.